Hey Bär!
Samstag, 07.09.2024
Die Hitze des letzten Abends ist verflogen und über Nacht hat es viel geregnet. Frierend sitze ich mit einem Kaffee unter dem Tarp und verarzte meine Hände. Wobei Verarzten zu hoch gegriffen ist. Die letzten Tage haben den Händen ordentlich zugesetzt.
Mangels Hornhaut bilden sich viele rote Stellen, teilweise ist die obere Hautschicht durch den ganzen Sand abgeschürft und überall habe ich kleine Schnitte. Ich vermute als Ursache die feinen Quarzsplitter im Sand und die ungewohnte Belastung über den ganzen Tag. Meine zarten Programmiererhändchen sind nichts mehr gewohnt und werden spröde.
Drei Wochen nach der Tour.
Ich umwickle die Stellen an den Fingern mit Gewebeklebeband, um sie vor weiterem Verfall zu schützen. Als meine Frau beim Packen “Handcreme” sagte, hätte ich auf sie hören sollen. Eigentlich kenne ich das Problem schon von meinem Aufenthalt auf einer schwedischen Insel. Seitdem ich keine Werkstatt mehr habe, sind meine Hände über solche spontanen Belastungen nicht erfreut.
Die Gummibeschichtung meiner Arbeitshandschuhe löst sich bereits ab. Von nun an benutze ich die gefütterten Handschuhe und sie erweisen sich als die bessere Wahl. Die Polsterung nimmt etwas den Druck von den Fingern.
Handschuhe: Einmal schlecht und einmal besser.
Der Souch Creek markiert einen Knick im Flussverlauf. Ging es die ganze Zeit über nordwärts, so wendet sich der Big Salmon River nun kurz nach Westen, um dann weiter Richtung Süden zu fließen. Auf diesem Abschnitt muss ich mit Gegenwind rechnen. Darum packe ich das Kanu etwas anders und lege möglichst viel Gewicht nach vorne. Außerdem setze ich mich verkehrt herum auf den Sitz des Vordermannes, um das Kanu noch besser auszubalancieren.
Reinsetzen und losfahren.
Viel Gewicht nach vorne, der Bugsitz wird zum Hecksitz.
Der Big Salmon knickt kurz in Richtung nach Süden ab. Anmerkung für die Admins: Das Bild stammt aus Google Earth Studio und enthält die notwendigen Angaben für eine Veröffentlichung.
Zu Beginn habe ich gute Strömung, aber der befürchtete Gegenwind setzt bald ein und der Fluss wird langsamer. Bislang bewährt sich die neue Beladung und ich komme doch ganz gut voran. Auf einer schmalen Kiesbank entdecke ich den ersten toten Lachs. Oder zumindest das, was von ihm übrig ist. Er bleibt der einzige. Auch auf dem Rest der Tour werde ich kein weiteres Fischskelett mehr finden.
Mach es gut, Souch Creek.
Anfangs gab es noch Strömung.
Bärenfrühstück.
Das Wetter bleibt durchwachsen und dezent nervig. Wenn es regnet, kann ich meine Sony nicht verwenden und muss die GoPro nutzen. Wenn die Sonne scheint, will ich das Solarpanel auspacken. Aber ich weiß genau, dass es in 10 Minuten wieder regnet und ich es dann wieder einpacken kann. Ich fasse den Vorsatz: Heute werde ich früher Feierabend machen und endlich mal im hellen Essen.
Solche Engstellen gaben wenigstens den Hauch eines Schubs. Ansonsten war der Big Salmon ziemlich lahm.
Auf der Karte suche ich nach einem Camp, aber mein Hirn sagt: “Hey, da ist ja ein See!”
Er liegt nahe am Fluss. Da der letzte Ausflug eine schöne Abwechslung war, möchte ich auch diesem Gewässer einen Besuch abstatten. Vorsatz? Welcher Vorsatz?
Ich suche nach einem Tor zum Höllendickicht. Nach einer Sandbank, einem Wildwechsel oder einer Tränke. Das Beste, was ich finden kann, ist ein Stück Uferböschung mit Gras. Beim Ausstieg macht es laut “Flatsch!” und ich stehe im Matsch. Ein Eichhörnchen meckert mich sofort vorwurfsvoll an. Die Erklimmung des Ufers erweist sich als Slapstickeinlage (es gibt einen Videobeweis), aber oben angekommen breiten sich vor mir die Wildwechsel aus. Ich rufe “Hey Bär”, als hätte ich bei der Erstbesteigung des Mount Böschung nicht schon genügend Lärm gemacht. Diesmal schalte ich auch den Tracker ein, damit ich nicht wieder an meinem Kanu vorbeilaufe. Oder schlimmeres.
„Besorg ein paar Golfschuhe Mann, sonst werden wir hier niemals lebend rauskommen.“
Es geht durchs Unterholz. Generell konnte ich mich im Gelände um den Fluss herum immer gut bewegen. Es gibt viele Tierpfade und meist liegen auch nicht allzu viele Bäume herum. Wenn sich ein Pfad jedoch im Busch verläuft, wird es anstrengend und mental fordernd. Man muss ständig darauf achtgeben, sich nicht nicht zu verletzen. Ein Fuss ist da schnell umgeknickt, ein Ast steckt schnell im Auge und die Rübe ist schnell angehauen.
Schließlich komme ich am See an und er erweist sich als moorartige Landschaft. Auch ganz schön, aber nicht das, was ich mir erhofft hatte. Unter mir stehen Pfützen. Ich tue wohlweislich keinen Schritt mehr weiter und ziehe wieder ab.
Das war wohl nix.
Der Tracker hat funktioniert, der Abstieg erwies sich als leicht und ich befinde mich wieder auf dem Fluss. Das Wetter spielt weiterhin verrückt und der Gegenwind beginnt, an meiner Verfassung zu zehren. Es macht keinen Spaß. Ich versinke in stoischer Monotonie und paddle, auf die rechte Seite gelehnt, einen Schlag nach dem anderen. Auf der rechten Seite kann ich besser paddeln. Es fällt mir leichter, das Kanu gerade zu halten und einen gleichmäßigen Rhythmus zu finden. Aber irgendwann muss man wechseln, sonst tut es weh. An einer ruhigen Stelle lege ich das Paddel ab und schaue auf die Flusskarte. Das Kanu beginnt sich zu drehen.
Es sind noch acht Kilometer bis zum Camp und ich habe keinen Bock mehr. Aber es wird vom Flussführer als “Excellent” ausgewiesen und auf diese Beschreibung kann man für gewöhnlich Gift nehmen. Der Ausblick auf einen schönen Flecken besiegt meine Resignation. Ich nehme das Paddel, um das Kanu wieder in Fahrtrichtung zu drehen und blicke mich um.
Und er guckt mich verdattert an.
Ich gucke ihn verdattert an.
Nach ein, zwei Sekunden sage ich “Hey Bär”. Bevor ich auf die andere Seite paddeln und auf knappen 50 Metern Abstand am Ufer warten kann, verzieht sich das Pelztier ins Gebüsch.
Langsam taste ich mich vorwärts. Er ist sehr wahrscheinlich weg, ich werfe dennoch die Kamera an. War das ein Grizzly oder ein Schwarzbär? Es wäre ein kleiner Grizzly. Aber es ging so schnell, dass ich nicht auf die Unterschiede geachtet habe. Auf jeden Fall war es ein Bär.
Ich habe gerade einen Bären gesehen. Und er mich. Wer dabei mehr gelitten hat, wird die Welt wohl nie erfahren. Ich freue mich unbändig. Diese wenigen Sekunden entschädigen für den ganzen Tag. Die Hände, der Gegenwind, das Moor, alles hat genau gepasst, sonst wären wir uns in dieser Kurve nicht begegnet.
Vor dem Bär :-/
Nach dem Bär 🙂
Kurz vor dem See „Esker“ lief mir Meister Petz über den Weg.
Am See Esker erreiche ich den nächsten Wendepunkt: Nun fließt der Big Salmon nach Nordwest und später wieder nach Norden. Ich hoffe auf weniger Gegenwind, aber die Hoffnung erfüllt sich nicht. Schließlich komme ich am exzellenten Camp an. Es ist etwas erhöht in einem Wald gelegen, gemütlich und windgeschützt. Direkt neben dem Camp mündet ein kleiner Fluss mit glasklarem und arschkaltem Wasser.
Der kleine Fluss. Links geht es zum Camp.
Kalt und klar.
Das Zelt stelle ich diesmal unter das Tarp. So bleibt die Außenhülle trocken und ich kann sie morgens sofort herunternehmen. Das Innenzelt und der Schlafsack können dann unter dem Tarp trocknen. Hinter dem Zelt ist noch Platz für einen Großteil meiner Ausrüstung, sodass auch diese trocken bleibt.
Das Bild ist vom nächsten Tag, ich hatte keines vom Lager am Abend.
Es regnet weiterhin sporadisch, darum bleibt die Kamera meistens drin. Die GoPro Akkus sind leer. Ich filme deshalb zum Tagesende nur eine kurze Erläuterung und in drei Wochen weiß mein zukünftiges Ich nicht mehr, was es zu essen gab.
Sicher ist: Es ist bereits dunkel.
Tagesdistanz: 24 km
Gesamtdistanz: 129 km
Verbleibende Distanz: 171 km
Anzahl Resttage: 5
Nötiger Tagesdurchschnitt: 34 km
Weiter zu Teil 9
Zu diesem Reisebericht gibt es einen zweiteiligen, abendfüllenden Dokumentationsfilm:
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