Es werde Licht!

Sonntag, 08.09.2024

Mein Zelt ist trocken. Der Aufbau unter dem Tarp hat sich bewährt. Zufrieden stecke ich die Außenhülle meines Schlafgemachs in ihren wasserdichten Packsack. Innenzelt und Schlafsack dürfen ruhig noch auslüften. Durch dieses Vorgehen gewinne ich morgens etwas Zeit. Ob ich das in Zukunft so beibehalte, muss ich sehen.

Traditionell gibt es morgens auf meinen Tour mindestens einmal Dosenfleisch.

Doppelt gemoppelt: Das Zelt unterm Tarp hat sich bewährt.

Der kleine Creek direkt am Camp.

Die Aussicht ist überwältigend.

Die Flaschen nochmal mit dem klaren Wasser des Baches aufgefüllt und los geht’s, um sage und schreibe zehn vor elf. Zur Begrüßung winkt mir sofort der Gegenwind.

Immerhin hilft das Tape, mit dem ich die wunden Stellen an meinen Fingern abgeklebt habe. Morgens nach dem Aufstehen sind die Schmerzen am schlimmsten. Danach, sobald ich die Hände gebrauche, legen sie sich.

Kommt der Doktor Hampelmann, klebt die Finger mit Spucke an.

Ich habe vergessen, meine Brille aufzusetzen. Das Ding bei meiner Brille ist, dass ich im Alltag auch ohne Brille auskomme. Das habe ich jahrelang getan. Aber wenn ich Details auf möglichst weite Entfernung erkennen will, dann führt kein Weg daran vorbei. Auf dem Big Salmon River bin ich ohne Brille so blind wie ein Maulwurf und es wäre viel zu gefährlich, den Fluss ohne sie zu befahren. Ich halte kurz am Ufer.

Das Brillenband ist mit Kabelbindern unverlierbar an der Brille fixiert.

Das Aufsetzen gestaltet sich dank Brillenband und Hut samt Schnur ein wenig fummelig. Ich muss sie erneut absetzen und putzen. Dann bewundere ich ein wenig die Landschaft.

Diese ist heute sehr schön, aber der Gegenwind macht mich fertig. Er macht die eigentlich sehr gute Strömung zunichte. Wenn ich mal keinen Gegenwind habe, nehme ich sofort unglaublich Fahrt auf. Aber das kommt nur sehr selten vor. Irgendwann schreie ich Wind und Fluss an. Mich kriegt Ihr nicht klein! Dieser Dreckswind! Es ist, als würde man in Pudding herumrühren.

Immer wieder münden kleine Bächlein.

Bei der nächsten Campsite beschließe ich, das Kanu nochmal umzupacken und dabei eine Mittagspause zu machen. Ich habe immer noch etwas Brot von der Hütte übrig. Dazu etwas Wurst, als Nachtisch gibt’s einen Müsliriegel und Kaffee. Das klingt nach einer guten Idee. 

Ausräumen zur Mittagspause.

An Land erwartet mich ein kleines Camp mit Lagerfeuerstelle und einem Baumstamm zum Sitzen. Ein Eichhörnchen meckert mich sofort vorwurfsvoll an. Ich packe meine Snacks aus und entspanne mich. An meinen gerösteten Maiskörnern und Cashewkernen war nie ein Eichhörnchen interessiert und das ist ja auch ok so. Ich gehe ihnen ja auch nicht an ihre Zapfen. 

Der Campingstuhl konnte im Kanu bleiben.

Das Dosenfleisch in meinem Bauch fühlt sich zu einsam und bekommt Gesellschaft von einer Wurst.

Das Bärenspray. Man will es nicht brauchen, aber es sollte dabei sein.

Überall wachsen Beeren. Leider habe ich davon keine Ahnung und bin froh, dass ich eine Heidelbeere von einer Vogelbeere unterscheiden kann. Beim nächsten Mal mache ich mich vorher schlau.

Danach räume ich im Kanu wirklich alles nach vorne, was ich irgendwie nach vorne räumen kann. Die Sonne bricht hervor.

Die Tonne wird immer leichter. Ich muss möglichst viel in den Bug schieben, um das Kanu auszubalancieren.

Endlich! Nach zwei Tagen ohne Sonne tut das ziemlich gut. Der restliche Tag verläuft viel besser. Zurück auf dem Fluss legt sich endlich der Wind und die Strömung nimmt mir viel Arbeit ab. Die Pause hat gut getan, ich fühle mich wie ein frisch geladener Akku. Irgendwann meldet sich der Kaffee. An einer X-Beliebigen Kiesbank schaue ich während des Geschäfts in die Gegend. Die Schönheit überwältigt mich abermals. Dann flippe ich aus.

Wer würde da nicht ausflippen?

Die Strömung lässt mich fliegen.

Ich bin schon mehrfach ausgeflippt auf dieser Tour, aber so noch nicht. Mir wird bewusst, was ich hier gerade tue und wo ich gerade bin. Einem Freudenschrei folgen Tränen. Solch eine Tour im Yukon war in meinem Kopf immer ganz weit weg. Die Planung hat nur etwa neun Monate gedauert und nun stehe ich plötzlich hier. Nachdem der Traum jahrzehntelang immer wieder hinten angestellt wurde, zu den anderen Träumen, die man so hat. Nun stehe ich hier mit offenem Mund.

Bis auf 10 x „ist das geil“ war ich weitgehend sprachlos.

In diesem Sinne will ich den Tag beschließen. Seit der Pause habe ich unglaublich viel Strecke gemacht, das konnte ich im Flussführer schon ablesen. An der Mündung des “South Big Salmon” Rivers werde ich übernachten. Auf dem Weg dorthin sehe ich überraschend eine winzige Cabin, die nicht eingezeichnet ist. Ich lege an und das erste, was ich finde, ist eine Tonne, wahrscheinlich gefüllt mit Benzin. Die Hütte erweist sich als undicht und verwahrlost. Aber allzu lange wollte ich mich sowieso nicht aufhalten lassen.

Die winzige Cabin.

Beginnender Zerfall.

Am South Big Salmon River suche ich vergeblich nach dem “Potential High Water Camp” und nehme mit dem “Sandy Camp” gegenüber vorlieb. “Sandy” ist durchaus wörtlich zu nehmen und eigentlich will ich es vermeiden, erneut am Strand zu schlafen. Das Camp erweist sich als zugig. Aber was soll’s, man wird genügsam auf dieser Tour.

Das Foto stammt zwar mal wieder vom nächsten Morgen, aber so sah es dort aus. Kalt, feucht, zugig.

Darum bleibt das Tarp drin und ich stelle nur das Zelt auf. Ich bin ein bisschen gespannt auf meine Tagesleistung und rechne sie beim Essen aus. Es sind 40 km! Ich rechne nach, aber komme zum selben Ergebnis. 

Wie so oft ist es beim Essen schon dunkel. Meine Kameraakkus pfeifen aus dem letzten Loch. Nach zwei Tagen ohne Sonne muss die Powerbank ran, um sie über Nacht aufzuladen.

Als ich gegen ein Uhr nochmal raus muss, geht schon wieder etwas in Erfüllung, was ich nicht zu hoffen wagte: Ich sehe zum ersten Mal in meinem Leben Polarlichter.

Die Akkus der Sony waren da schon wieder voll genug.

Manchmal mag ich meine schwache Blase ja, ansonsten hätte ich die Nordlichter verpennt.

Tagesdistanz:  40 km
Gesamtdistanz: 169 km
Verbleibende Distanz: 131 km
Anzahl Resttage: 4
Nötiger Tagesdurchschnitt: 33 km

Weiter zu Teil 10

Zu diesem Reisebericht gibt es einen zweiteiligen, abendfüllenden Dokumentationsfilm:

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