Die Welt ist ein Dorf
Montag, 09.09.2024
Ich habe mir in der Nacht beim Polarlichtgucken in meiner langen Unterhose alles abgefroren. Bereits da ahnte ich Böses und es sollte sich bewahrheiten: Der Morgen ist zugig, es ist arschkalt und feucht. In all meine Klamotten gehüllt warte ich zitternd auf die Sonne. Als sie schließlich durchbricht, dauert es noch eine ganze Weile, ehe Zelt und Schlafsack trocken genug sind.
Selten war ich so erfreut, die Sonne zu sehen.
Das Licht wird sofort seiner Verwendung zugeführt.
Ich nutze das Licht und das gute Wetter für ein Drohnenvideo. Dann belade ich das Kanu, dummerweise etwas zu weit vom Wasser entfernt an Land. Es braucht ein wenig Kraft, bis ich auf dem Wasser bin. Der Fluss begrüßt mich mit guter Laune und die ersten Kilometer sind entspanntes Fahren ohne viele Hindernisse bei guter Strömung. Das Wetter ist schön, ach das Leben kann so herrlich sein.
Der South Big Salmon kommt aus dem Hinterland angekrochen…
…und fließt hier in den Big Salmon River.
Die nun eher hügelige Landschaft wirkt einladend.
Zwischendurch fühle ich mich ein wenig wie in “Aguirre, der Zorn Gottes”, wenn ich mich still durch den Urwald treiben lasse. Plötzlich raschelt etwas und ich bemerke Bewegungen vor mir, links an der Böschung. Zwei graue Körper verschwinden ins Gehölz.
Waren das Wölfe? Ich schaue weiter angestrengt in die Richtung und erst einige Sekunden später sehe ich irritiert und fasziniert, dass dort noch ein Tier liegt. Es ist ein Wolf, fast schwarz. Er liegt einfach nur in der Sonne und sieht mich an. Ich mache erst gar keine Anstalten, bei dieser Strömung anzuhalten, sondern lasse mich an ihm vorbeitreiben. Es juckt ihn kein Stück. Er bleibt einfach liegen. Wow.
Solche Sichtungen habe ich immer nur, wenn ich mich treiben lasse. Egal ob Elch, Bär oder Wolf: Sobald ich anfange zu paddeln, verziehen sich die Tiere um mich herum. Selbst wenn ich leise paddle, knistert der Trockenanzug. Außerdem ist meine Paddeltechnik nicht die beste.
Auffällig ist die sehr gedrungene Form der Nadelbäume in diesen Breiten.
Nach den ersten 11 km mache ich eine kurze Pause, aber es hält mich nicht lange. Der Tag läuft richtig gut, die Strömung schiebt mich voran. Mir wird bewusst: Wenn ich so weiterfahre, bin ich morgen Abend bereits am Yukon.
Wehmut macht sich breit. Mein Abenteuer neigt sich dem Ende. Andererseits ist es toll, dass ich etwas Puffer habe. Wenn ich dadurch einen halben Tag länger verweilen kann, dann bin ich froh darüber.
Ich paddle sinnierend vor mich hin, als mir inmitten des Grüns ein roter Farbtupfer ins Auge springt. Da vorne liegt ein Kanu! Und ich kann das Logo von Wolf Adventure Tours erkennen. Ist das etwa der andere Paddler? Habe ich ihn schon wieder eingeholt? Ist ihm etwas passiert?
Liegt da etwa ein Kanu…?
Schnell wird klar: Das ist er nicht. Denn es sind zwei Personen, die am Ufer stehen und winken: “Do you want to come over?”
Ich sage “Sure, why not?” und setze zur Landung an. Als ich näher komme, fragt mich einer der beiden:
“Dad In The Woods?”
“…äh… ja?!”
Ich bin so verdattert, dass ich aufhöre zu paddeln. Ich verfehle den Anlegeplatz, springe ins knietiefe Wasser und zerre das Kanu hektisch an Land.
Und so kam es, dass ich mitten im Nirgendwo am Big Salmon River einen Nutzer aus einem Bushcraft Forum traf, in dem ich auch Mitglied bin. Er wusste von meiner Reise, denn ich hatte sie im Forum angekündigt. Ihm war klar, dass ich zu dieser Zeit irgendwo hier in der Gegend sein müsste.
Zusammen mit seinem Kollegen hat er sich ganze 36 Tage Zeit genommen, um den Big Salmon River zu befahren. Dabei soll die Nahrung vorrangig durch Angeln und Jagen beschafft werden. Ich bin ein bisschen neidisch und beschließe, mir zukünftig für solche Touren mehr Zeit zu nehmen.
Nachdem man sich gegenseitig mehrfach versichert hat wie verrückt das alles ist und wie abgefahren die Landschaft, verabschieden wir uns. Voraussichtlich werden wir uns nochmal begegnen. Ich bekomme den Tipp, ein bestimmtes Camp am North Big Salmon River zu nutzen und werde mich danach richten. Hierfür muss ich noch ca. 8 km fahren und taxiere die Dauer auf großzügige zwei Stunden.
Immer wieder durchbrechen blanke Steilhänge die Vegetation.
Der Big Salmon verwöhnt mich den ganzen Tag mit Bombenwetter, Windstille und sagenhafter Strömung. Zwischendurch gibt’s immer wieder spaßige Stellen.
Die Fahrt verläuft unspektakulär. Am North Big Salmon River gibt es zwei Camps, auf beiden Seiten der Mündung. Im ersten finde ich ein paar Reste einer Hütte und einen dicken Knochen. Das zweite Camp wurde als das bessere beschrieben.
Das Herbstlicht ist einfach atemberaubend.
Das ist mal eine Ruine.
Ganz nett, aber das andere Camp soll noch besser sein.
Von einem Elch?
Allerdings wäre es harte Arbeit, wieder zurück ins erste Camp zu paddeln, wenn sich das zweite als Flop erweisen würde. Eventuell könnte ich durch den North Big Salmon durchtreideln, er scheint nicht besonders tief zu sein. Ich gehe das Risiko ein. Die Ausfahrt zu erwischen erweist sich als heikel, aber das Manöver gelingt. Das zweite Camp glänzt mit Blick aufs Wasser und einer eingewachsenen Sitzbank. Ein Eichhörnchen meckert mich sofort vorwurfsvoll an.
Hier bleibe ich.
Von rechts fließt der Nort Big Salmon hinein. Auf der gegenüberliegenden Seite befindet sich das zweite Camp.
Na dann mal rüber da! Puh, das könnte schon eng werden…
…aber es hat geklappt.
Die Sicht direkt aufs Wasser ist schon mal ein Pluspunkt.
Die skurile, eingewachsene Bank hat Charme.
Die Natur holt sich alles irgendwann zurück.
Der Blick auf die Uhr überrascht mich, denn es ist erst viertel vor sieben. Ich baue Tarp und Zelt auf und beschließe: Morgen bleibe ich einen halben Tag hier und haue mir schön die Wampe voll. Heute gibt es zum Abendessen wieder die leckere Spicy Sausage Bolognese.
Abendstimmung.
Tagesdistanz: 36 km
Gesamtdistanz: 205 km
Verbleibende Distanz: 95 km
Anzahl Resttage: 3
Nötiger Tagesdurchschnitt: 32 km
Weiter zu Teil 11
Zu diesem Reisebericht gibt es einen zweiteiligen, abendfüllenden Dokumentationsfilm:
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