Tschüss Bär
Freitag, 13.09.2024
Zum ersten Mal wecken mich Tiergeräusche. Die ansässigen Eichhörnchen und Vögel sind ungewöhnlich aktiv. Ich liege eine Weile still herum, um sie nicht zu stören. Mein Schlafsack ist knochentrocken, was mich bei diesem Wetter und der Nähe zum Fluss etwas wundert. Es hat in der Nacht zwar nicht geregnet, aber ein wenig Tau hatte ich erwartet.
Zum Abschied ist das Wetter gnädig.
Mir geht es überraschend gut. Nach den vielen Kilometern des letzten Tages hatte ich schmerzende Hände befürchtet. Es scheint, als hätten sie kapituliert. Mit einem Frühstück halte ich mich nicht auf, sondern beginne nach einem Kaffee mit dem Abbau. Dieser geht dank der Trockenheit und des Minimalismus meiner Schlafstätte zügig voran. Dennoch werde ich wieder wehmütig. Dies war meine letzte Nacht in der kanadischen Wildnis.
Ein letztes mal belade ich mein treues Gefährt. Ich habe es lieb gewonnen.
Um 9:30 bin ich auf dem Wasser und beschließe, mich die restlichen 5 km einfach treiben zu lassen. Ich werde dennoch in aller Gemütlichkeit die Ausrüstung säubern und alles zusammenpacken können, ehe mein Chauffeur eintrifft.
Einfach treiben lassen…
Ein letzter Bieber äußert mit platschendem Schwanz sein Missfallen und kurz darauf kann ich den Highway hören. Der Mast einer Stromleitung blitzt aus den Bäumen heraus wie ein Misston aus einer schönen Melodie. Ein Hund bellt.
Ich bin am Abholpunkt angekommen. Es ist eine kleine Campsite mit Parkplätzen, Feuerstelle und angrenzendem Privatgrundstück. Ich lade das Kanu aus, stelle Tarp und Zelt auf und wische sie sauber. Das Kanu und sämtliche Leihausrüstung erhält ebenfalls eine Reinigung mit dem bewährten Spültuch.
Als Größenvergleich liegt mein Hut auf dem Trittbrett.
„Das is nich oginal, das sach ich dir so.“ 😀
Regensicher bis zur Abholung.
Tagesdistanz: 5 km
Gesamtdistanz: 304 km
Restzeit: 3 Stunden
Bevor ich mir nach getaner Arbeit einen Abschlusskaffee zubereiten kann, steht der Fahrer auf der Matte, fast zwei Stunden zu früh. Aufgrund des launischen Wetters ist er ein wenig eher losgefahren, damit ich im Falle eines Falles nicht lange im Regen sitzen muss. Ich kann netterweise meinen letzten Kaffee genießen und das Tarp abbauen, während er alles verstaut. Nochmal den Daumen hoch und ein dickes Dankeschön dafür!
In Carmacks laden wir das Kanu ab und fahren weiter in Richtung Whitehorse. Gegen 17:00 Uhr bin ich im Hotel. Frevelhafterweise gehe ich zum Schnellrestaurant, das direkt neben dem Hotel liegt und genehmige mir zwei Burger. Zurück im Hotel möchte ich eine der Waschmaschinen nutzen, aber habe natürlich kein Waschpulver. Also wasche ich einige Klamotten per Hand und mit der zur Verfügung gestellten Seife. Der Münztrockner erledigt den Rest. Dann bin ich selbst an der Reihe und stehe eine gefühlte Ewigkeit unter der Dusche. Danach sortiere ich meine Ausrüstung in Hand- und Aufgabegepäck.
Ein Haufen Zeug will sortiert werden.
Zwischendurch schreibe ich mit meiner Frau. Die Kommunikation beschränkte sich lange genug auf 320 Zeichen pro Tag, darum haben wir uns viel zu erzählen.
Schließlich hat mich Condor überzeugt und ich stufe mein Flugticket in die Business Class hoch. Damit wird die gesamte Reise um satte 33% teurer. Aber noch einmal möchte ich nicht 12 Stunden derart in den Seilen hängen. Ich will mich unbedingt hinlegen können.
Den Käse, einige Nüsse und die letzten Müsliriegel verschlinge ich zum Frühstück. Den Rest kann ich laut Einfuhrbestimmungen mit nach Hause nehmen.
Gut kalkuliert: Meine Vorräte. Das wäre aufgrund der Masse an Kalorien noch mindestens ein Reservetag gewesen, bei voller Paddelbelastung.
Zweimal bediene ich mich am Getränkeautomaten des Hotels. Einmal setze ich auf Bewährtes, eine klassische Fanta. Danach möchte ich zum ersten Mal in meinem Leben Root Beer probieren. Der Ansatz schmeckt nach Listerine, der Abgang nach Automatenkaugummi. Ich frage mich, ob das exemplarisch für jedes Root Beer ist.
(Hoffentlich) ein einmaliges Geschmackserlebnis.
Ich gehe spät ins Bett und
Samstag, 14.09.2024
stehe früh auf.
Denn ein wenig würde ich schon gerne von Whitehorse sehen. Nach einem Kaffee breche ich auf. Es ist bitterkalt. Als die Sonne durchbricht, erstrahlt die Landschaft rund um den dampfenden Yukon zwar in goldgelben, warmen Farben, aber ich friere während der gesamten Runde durch die Innenstadt.
Whitehorse erweist sich als überraschend vielfältig.
Überall finden sich liebevolle Details.
Die Radiostation von CBC
Die Log Church.
Es gibt einige urige Gebäude zwischen den modernen Bauten.
Blick in einen Hinterhof.
Die S.S. Klondike II – Die Reste ihres Schwesterschiffs liegen am Grund des Yukon und können bei niedrigem Wasserstand von Paddlern gesehen werden.
Dieser adrette Mounty steht vor dem MacBride Museum.
Eine kleine Schmiede unweit vom Yukon River.
Entlang des Flusses stehen einige historische Gebäude.
Wie werde ich dieses Licht vermissen.
Ein Taxi bringt mich zum Flughafen. Während die Schlange am Check-in-Schalter wartet, drängelt sich ein älterer Herr nach vorne. Er hat drei Mineralwasserflaschen und zwei… Messer in der Hand. Die Menge reagiert ungehalten, worauf der Herr entgegnet, es würde sich um einen speziellen Fall handeln. Schließlich landen die Messer und die drei Flaschen unaufgeregt als Aufgabegepäck in einem kleinen Pappkarton, der hinter dem Tresen herumlag. Ich spüre wieder diese Wehmut beim Gedanken an die Flughäfen, die man gemeinhin kennt. Im Yukon erscheint vieles unkompliziert. Im Kontrast zu den harschen Bedingungen ist das wohl ein logischer und gerechter Ausgleich, den sich die Menschen dort geschaffen haben.
Im kleinen Flieger von Air North gibt es eine leckere Teigtasche und einen großen Cookie. Den Flug vertrage ich ähnlich gut wie den Hinflug und so greife ich zu.
Das zieht sich auch in dem Airbus von Condor durch, der mich von Vancouver nach Frankfurt bringt. Ich schlemme mich durch das Angebot und genieße es, dass ich zumindest ein wenig dösen kann. Es geht mir nach der Landung sogar so gut, dass ich von Frankfurt aus direkt mit einem ICE nach Hamburg fahre, anstatt noch eine Nacht im Hotel zu verbringen. 23 Stunden, nachdem ich losgeflogen bin, komme ich in Hamburg an.
Ein unglaubliche Tour findet ihr Ende, als ich die Wohnungstür öffne und meine Familie in meinen Armen liegt. In den folgenden Tagen und Wochen werde ich diese Reise nochmals durchleben, wenn ich diesen Bericht schreibe und den Dokumentarfilm schneide.
“Do what you can’t.”
(Casey Neistat)
Zu diesem Reisebericht gibt es einen zweiteiligen, abendfüllenden Dokumentationsfilm:
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