Mathematik: Mangelhaft

Donnerstag, 12.09.2024

Eigentlich sollte ich längst auf dem Wasser sein. Stattdessen besichtige ich nach dem Frühstück erstmal das Big Salmon Village. Hier gab es einen Handelsposten und etwas dahinter liegt ein alter Friedhof der “First Nations”, wie die Ureinwohner in Kanada genannt werden. Diesen spare ich bei meiner Besichtigung aus, denn ich will dort nicht Tourist spielen.

Es ist mystisch am Morgen.

So ein Tisch ist schon was feines.

Der Platz ist leider etwas vermüllt, die Häuser sind allesamt in einem wirklich schlechten Zustand, aber das gehört irgendwie dazu. Die Natur holt sich langsam zurück, was ihr vor über 100 Jahren genommen wurde. Als es aufhört zu regnen, kann ich sogar kurz die Drohne steigen lassen.

Der „Dorfplatz“ des Big Salmon Village.

Hier am Yukon kommen dann doch mehr Menschen vorbei. Die Flaschen waren alle leer.

Der ehemalige Handelsposten.

Man kann die Schrift noch erahnen und rekonstruieren.

Links: Big Salmon River. Rechts: Yukon River.

Danach packe ich mein Zeug zusammen und begebe mich auf den Yukon River. Es regnet sich ein. Die Strömung ist flott, aber der Fluss fühlt sich komplett anders an als der Big Salmon River. Durch die schiere Breite und die weitläufigen Kurven wirkt das Paddeln etwas zäh. Ich hoffe auf wenig Gegenwind, denn dieser würde mich stark ausbremsen und ich muss heute eine große Distanz zurücklegen. Aufgrund eines Rechenfehlers gehe ich von 50 km aus. Das sollte sich noch als Problem erweisen.

Am ersten Tag bin ich um 17:00 Uhr gestartet und morgen werde ich um 16:00 Uhr abgeholt. Dann wäre ich insgesamt 287 Stunden unterwegs gewesen und somit eine Stunde weniger als 12 Tage. Allerdings möchte ich das nicht bis zum letzten Drücker ausreizen, da ich das Kanu und die sonstige Ausrüstung meines Verleihers etwas säubern will, ehe ich von ihm aufgesammelt werde.

Nach etwa einer Stunde erreiche ich Gold Point, wo einst Gold abgebaut wurde – der Name lässt es ja bereits vermuten. Damit stehen bereits 11 km auf der Uhr. Es regnet durchgehend, mal mehr und mal weniger, auch ist es ziemlich kühl. Ich friere schon den ganzen Tag und auch die Paddelei wärmt mich nicht wirklich.

Gold Point.

Man hofft einfach, dass nichts abrutscht und einen die Welle zum kentern bringt.

Teilweise bin ich laut GPS mit 15 km/h unterwegs. An der Cyr’s Dredge mache ich kurz halt. Diese alte Goldmühle wurde aus einer Caterpillar Raupe und diversen anderen Teilen konstruiert und ist seit vielen Jahren im Sand versunken. Einzelne Fragmente sind an der Oberfläche noch sichtbar.

Woanders Umweltverschmutzung, hier ein Geschichtsdokument: Die Reste der alten Goldmühle.

Die Waschtonne gibt einen guten Poller ab.

Der Zylinderdeckel der Raupe schaut noch aus dem Sand.

Dies dürfte das Getriebe sein, mitsamt Kupplungshebel.

Zurück auf dem Fluss, stoppt die Strömung schlagartig und es kommt Gegenwind auf. Na toll. Die nächsten Kilometer sind anstrengend, aber warm wird es mir dennoch nicht. An einem ehemaligen Holzfällercamp mache ich halt und bereite mir warme Milch zu, dazu gibt es einen Snack. Ich ziehe meine Daunenjacke an und taue endlich auf.

Vor mir liegen noch 25 km. Einerseits ist es toll, dass ich schon so weit gekommen bin. Andererseits habe ich langsam keine Lust mehr und merke, dass mir kleine Flüsse mehr zusagen. Man hat dort einfach mehr Abwechslung und das Gefühl, schneller voranzukommen.

Am Holzfällercamp.

Fast schon luxuriös.

Auch hier stehen einige alte Hütten.

Die obligatorischen Einschusslöcher…

…gepaart mit dem obligatorischen Holzofen, der irgendwo vor sich hinrostet.

Die Stimmung ist heute gemischt. Einerseits ist die Tour bald vorbei und ich bin traurig. Andererseits freue ich mich auf meine Familie, eine Dusche, ein Bett und auf ein gutes Essen.

Die letzte Seite des Flussführers liegt nun vor mir. Erneut verrechne ich mich und gehe von weiteren 8 km aus, bis ich an meinem Wunschcamp ankomme. Von dort wäre es ein Katzensprung bis zum Abholpunkt. Es ist 18:30 Uhr und ich gehe davon aus, dass ich es schaffe.

Sobald die Sonne herauskommt, wird alles in ein magisches Licht getaucht.

Es ist 20:30 Uhr und ich schaffe es nie und nimmer. Bald ist es zappenduster. Darum möchte ich auf ein früheres Camp ausweichen, welches rechts von einer Insel liegt, an der sich der Fluss aufteilt. Ich verpasse die Einfahrt und alle weiteren Durchlässe sind komplett mit Treibholz versperrt. Sicheres Anlanden ist bei der Strömung nicht möglich. Am Ende der Insel paddle ich stromaufwärts in den Kanal. Ein Eichhörnchen meckert mich sofort vorwurfsvoll an. Ich verausgabe mich, aber das Camp finde ich nicht. Es scheint zugewachsen zu sein, die Böschung ist steil. Meine Muskeln kapitulieren und ich lasse mich zurück in den Hauptstrom treiben.

Auf der Flusskarte ist kein weiteres Camp mehr verzeichnet. Nun wird es ernst. Ich muss irgendeinen Platz finden, der flach genug und nicht allzu verbuscht ist, damit ich wenigstens mein Tarp aufspannen kann. Mittlerweile habe ich über 50 km zurückgelegt und bin einfach nur noch fertig.

Ich beschließe, bis zur Mündung des Little Salmon Rivers zu fahren, denn an Flussmündungen gab es bislang immer ein freies Plätzchen. Schließlich komme ich an, stolpere in den Wald und finde glücklicherweise ein altes Jagdcamp, das von den ansässigen Bibern etwas ausgelichtet wurde. 

Statt 50 km sind es fast 60 km geworden. Bis zum Abholpunkt habe ich nun nur noch 5 km vor mir. Damit kann ich gut leben. Nachdem ich gegessen und einige Dornenbüsche beseitigt habe, falle ich in meinen Schlafsack. Es weht ein starker Wind und ich mache mir ein wenig Sorgen um tote Bäume, die umfallen könnten. Aber schon bald übermannt mich der Schlaf.

Hier wurde wahrscheinlich mal ein Elch aufgebrochen, aber das ist schon lange her.

Tagesdistanz: 59 km
Gesamtdistanz: 299 km
Verbleibende Distanz: 1 km
Anzahl Resttage: 16 Stunden
Nötiger Tagesdurchschnitt: – km

Anmerkung zur Distanz: Ursprünglich sollte die Abholung am Little Salmon Village stattfinden. Mittlerweile ist dieser Abholpunkt nicht mehr zugänglich und man muss ein paar Kilometer weiter fahren. Die verbleibende Distanz bezieht sich auf den alten Abholpunkt.

Weiter zu Teil 14

Zu diesem Reisebericht gibt es einen zweiteiligen, abendfüllenden Dokumentationsfilm:

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