Aus dem Nichts
Freitag, 06.09.2024
Natürlich hat es auch in der letzten Nacht geregnet. Das Tarp erweist sich als Segen, ich werde es von nun an immer als erstes aufbauen und als letztes abbauen. Zufrieden sitze ich mit meiner Tonne unter meinem Dach, trinke Kaffee und esse Müsli.
Als nächstes wird geangelt. Die Stelle erscheint vielversprechend, ich werfe einige Male aus und bin stets darauf gefasst, einen Fisch an den Haken zu bekommen. Aber es scheint niemand zu Hause zu sein. Das gibt’s doch nicht! Etwas weiter flussabwärts will es auch nicht klappen. Langsam bekomme ich Frust.
Da muss doch was gehen…
Da mich nun nichts mehr hält, packe ich wie immer viel zu spät mein Zeug zusammen und begebe mich auf den Fluss. Der begrüßt mich mit einer angenehmen Strömung, ein paar Wellen und kleinen Stromschnellen. Das bereitet eine Menge Spaß! Dieser Fluss ist genau das richtige Kaliber, um meine Fähigkeiten zu verbessern. An manchen Stellen fliege ich geradezu dahin und mein GPS-Tracker bescheinigt über 10km/h.
Die sind überall.
Kein Stein, sondern nur eine Welle.
Es tauchen die ersten Felsen im Wasser vor mir auf und diese erfordern Konzentration. Doch in ruhigen Momenten bleibt auch immer wieder Gelegenheit, in der atemberaubend schönen Landschaft zu versinken. Hinter jeder Kurve öffnet sich eine andere, traumhafte Perspektive, als würde eine Postkarte gezeichnet.
Das Gelände in der Ferne wird schon flacher.
Es melden sich einige Mücken. Ich bin gewappnet mit einem Spray aus Whitehorse und einem Moskitonetz für mein Gesicht. Aber die Plagegeister sind schlapp und so bekomme ich auf der ganzen Tour nur zwei Mückenstiche ab. Wenig Gesellschaft, beginnendes Herbstlicht, kaum Mücken – der September erweist sich als gute Wahl.
Auf der Karte entdecke ich einen kleinen See, der dicht am Big Salmon River liegt. Den will ich mir spontan ansehen! Es gibt einen flachen Uferabschnitt zum Anlegen. Ich stolpere durch den Wald, rufe “Hey Bär” und bahne mir den Weg über Wildwechsel und eine löchrige Wiese. Schließlich erreiche ich das Gewässer. Ruhig liegt es da, eingebettet in Moos und Nadelwald.
Derartige Seen findet man entlang des Flusses immer wieder. Dieser lag günstig für einen Besuch.
Auf dem Rückweg laufe ich an meinem Kanu vorbei, aber sehe es glücklicherweise beim Blick zurück unterhalb von mir am Ufer liegen. Ich beschließe, künftig bei solchen Ausflügen ein paar Brotkrumen zu streuen, mit Hilfe des geliehenen GPS-Trackers. So finde ich immer wieder problemlos zurück.
Die Situation auf dem Fluss bleibt spassig und erfordert weiterhin Aufmerksamkeit. Es ist alles verzurrt und ich selbst stecke im Trockenanzug. Die einzige Sorge gilt meinem Kanu. Um die Kamera wäre es auch schade, aber das ist kein Vergleich zu einem verlorenen Kanu.
Das ist ein Stein.
Für den Ernstfall trage ich manches “direkt am Mann”. Das Bärenspray und der GPS-Tracker mit Notfallsender hängen an der Schwimmweste. Um den Bauch trage ich ein Erste-Hilfe Set und eine Tasche mit dem Nötigsten: Ein BIC-Feuerzeug, eine Rettungsdecke, ein schlankes Schweizer Taschenmesser, Micropur Tabletten, mein Reisepass und meine Kreditkarte.
Es wäre schön, wenn ich dieses “Überlebenskit” nicht brauche.
Fünf Minuten später brauche ich mein “Überlebenskit” um ein Haar. Die Flusskarte formuliert nüchtern, was auf meinem Grabstein stehen soll: “Many rocks throughout. Small rapids and some choppy water.”
Der Detailgrad der Karte erfüllt einen jeden Kanuten mit Freude.
Einen dieser Rocks sehe ich zu spät. Aus dem Nichts ist er plötzlich da, groß wie unser Ikea Wohnzimmertisch und er ragt auch so weit aus dem Wasser. Ich will an ihm vorbei und merke, dass es mir nicht gelingt. Kurz bevor ich quer in den Felsen einschlage, werfe ich mich in seine Richtung. Es knallt laut, und ehe ich es mich versehe, dreht die Strömung meinen Kanadier links am Stein vorbei, direkt ins dahinter liegende Kehrwasser.
Das Boot liegt still da und ich realisiere, was gerade passiert ist. So viel Schwein kann man doch gar nicht haben! Mein Kanu samt Ausrüstung wäre nach einer Kenterung wohl erstmal weg gewesen. Das Wasser ist hier verhältnismäßig tief und es fließt schnell.
Das Urteil, ob es ein gutes Zeichen meiner Fahrkünste ist, dass ich dieses Manöver reflexhaft beherrsche, sei jedem selbst überlassen.
Einige hundert Meter weiter, als sich das Wasser beruhigt, halte ich an. Es will sich kein wirklicher Schock einstellen, dennoch muss ich die Situation kurz verdauen. Ich mache mir klar: Das ist nichts Ungewöhnliches. Es passiert auf diesem Fluss selbst den erfahrenen Kanuten, dass sie einen Felsen übersehen. Die Konturen der grau-braunen Brocken verschwimmen komplett mit dem umliegenden Wasser, vor allem bei Gegenlicht.
Hier ist irgendwo ein Felsen. Hast Du ihn schon gefunden?
Immer noch nicht? Und falls doch: Bist Du Dir sicher?
Da ist er. Er hatte etwa die Größe einer Bierkiste.
Diese kurze, kleine Schaumkrone war das einzige Kennzeichen bei der Anfahrt, danach hat nichts mehr geschäumt.
Ich muss noch vorsichtiger werden. Beim folgenden Logpile, der den Big Salmon River aufteilt, möchte ich diese Vorgabe beherzigen. Ich fahre früh an die Seite. Zufrieden über mein umsichtiges Vorgehen schalte ich die Kamera ein und schildere die Situation.
Der linke Durchgang am Logpile ist der Hauptstrom. Er ist eingerahmt von spitzen, abgesplitterten Stämmen. Vor ihm erkenne ich zwei Felsen. Der rechte Durchgang ist wesentlich einladender. Vor ihm liegen zwar drei Felsen im Wasser, aber an denen komme ich gut vorbei. Ich entscheide mich für diesen Weg.
Als ich die drei Felsen passiere und in den Durchgang hineinsehen kann, erkenne ich meinen Fehler: Ein dicker Stumpf ragt vor mir aus dem Wasser. Ich touchiere ihn mit der rechten Seite und schramme an ihm entlang. Freude über den glimpflichen Ausgang mag sich nicht einstellen. Denn weiter hinten lauert der nächste Gegner: Ein querliegender Stamm auf Wasserhöhe.
Rechts vorne am Bug der Stumpf, weiter hinten von links der querliegende Baum. Links neben dem Kanu kann man die Strömung an dieser Stelle erkennen.
Ich versuche, ein Kehrwasser zu erwischen, stoße dabei mit dem Bug ans Ufer, drehe mich halb im Kreis und lande mit einem lauten Schlag quer vorm Baum. Da hänge ich nun, die Strömung taucht unter meinem Kanu weg und ich überlege, wie ich das Boot am besten auf die andere Seite bekomme. Ich steige aus und balanciere über den Stamm, dabei immer eine Hand am Kanu, damit es nicht eintaucht und sich verabschiedet. So gelange ich ans Ufer. Ein Eichhörnchen meckert mich sofort vorwurfsvoll an. Schließlich ziehe ich das Boot über das Hindernis und steige wieder ein. Erstmal durchatmen. Immerhin habe ich alles auf Film.
Quer vorm Baum bei flotter Strömung. Was tun, sprach Zeus.
Das ist nun die zweite haarige Situation an diesem Tag gewesen! Ich ärgere mich über meine Dummheit. Ich hätte direkt am Logpile anlegen müssen, um mir einen richtigen Überblick zu verschaffen. Meine Selbstüberschätzung und Faulheit wurde mir fast zum Verhängnis.
Und dennoch macht es heute Heidenspaß. Als ein kleiner Fluss in den Big Salmon River mündet, überlege ich zu angeln, verwerfe den Gedanken aber schnell beim Anblick der kommenden Wellen. Wenn Dir beim Kanufahren der Fahrtwind um die Nase weht und es satt auf die Wellen klatscht, dann willst Du nicht anhalten.
Kurz hinter dem Bat Creek treffe ich bei einer Pause auf meine ersten Bärenspuren. Ich bin bei meinen Pausen sicherlich bereits an vielen vorbeigekommen und habe sie nicht bemerkt. Aber diese hier drängen sich förmlich auf, auch wenn sie recht klein sind.
Ich habe Schuhgröße 41.
Wo der Bat Creek ist, ist der Souch Creek nicht weit. Dort soll es laut Karte ein “good high water camp” geben. Diese Camps liegen meist am Waldrand und nicht exponiert auf einer Kiesbank. Sie sind allgemein sehr gemütlich.
Als ich ankomme, finde ich einen wirklich schönen Fleck. Ich finde auch zwei deutsche Kriminalromane mit jeweils 500 Seiten, teilweise verstreut über dem Gelände. Ich richte meinen Unmut an die Kamera und sammle die feuchten Fetzen ein. Dann stelle ich zu meiner eigenen Überraschung tatsächlich das Tarp auf, ganz so wie ich es mir angewöhnen wollte.
Feierabend am Souch Creek, der hinter dem Kanu in den Big Salmon River mündet.
Wer sowas reinträgt, sollte es auch wieder mitnehmen.
Ansonsten ist das Camp so gemütlich wie erhofft.
Hier im Camp ist zumindest Mückenspray angebracht, das Moskitonetz bleibt allerdings im Kanurucksack. Es wird dunkel, dazu gibt es Spicy Sausage Pasta. Sie erweist sich als richtig lecker und ich freue mich schon auf die zweite Portion, die ich gekauft habe. Danach entfache ich ein ordentliches Feuer, um den feuchten Büchermatsch Seite für Seite zu verbrennen. Es dauert über eine Stunde und ich schwitze dabei wie nie auf dieser Tour.
Wenigstens war es mollig warm.
Tagesdistanz: 27 km
Gesamtdistanz: 105
Verbleibende Distanz: 195 km
Anzahl Resttage: 6
Nötiger Tagesdurchschnitt: 33 km/h
Weiter zu Teil 8
Zu diesem Reisebericht gibt es einen zweiteiligen, abendfüllenden Dokumentationsfilm:
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