Statt Karte, Kompass und App habe ich einen Würfel und ein Deutschlandticket. Ich starte am Bahnhof und würfle einen Zug. Im Zug würfle ich dann, an welcher Haltestelle ich aussteige. Und von vorn. Am Zielort übernachte ich irgendwo im Freien.
Das alles habe ich mir – bis auf die Übernachtung – nicht selbst ausgedacht. In der Schweiz ist dies als “Zugwürfeln” oder “Gleiswürfeln” bekannt. Ich habe mich davon inspirieren lassen und eigene Regeln aufgestellt:
- Es zählen die ersten sechs möglichen Fahrten (RB und RE) auf der Abfahrtstafel.
- Ich darf die Reise frühestens außerhalb der Stadtgrenzen beenden.
- Ich beziehe bis 17:00 Uhr nur Haltestellen in meinen Wurf ein, an denen ein Umstieg auf andere Linien möglich ist. Busse zählen dabei auch.
- Die Fahrt endet an einer Endhaltestelle oder an der ersten Haltestelle, die nach 18:00 Uhr erreicht wurde.
- Linien, die zurück nach Hamburg führen, sind tabu.
- Joker: Ich darf eine Haltestelle zum Aussteigen frei wählen.
Ob das so klappt, muss ich sehen. Laut den Anleitungen, die im Netz kursieren, sollte man etwas flexibel sein, damit die Reise kein vorzeitiges Ende findet.
Ich reise mit leichtem Gepäck. In meinem kleinen Savotta Rucksack (ich mag ihn) befinden sich ein Tarp, ein leichter Sommerschlafsack, Isomatte, Unterlage, Regenjacke, eine dünne Daunenjacke für abends, ein Messer, Autan, Plastikbesteck, eine Sitzunterlage, ein Baselayer für die Nacht, eine Wasserflasche, eine Powerbank und Ersatzakkus für die Kamera. Nichts deutet darauf hin, dass der Typ da im Wald pennen will. Oder auf einer Brache. Oder in einer Ruine. Oder sonst wo.
Die Küche bleibt kalt. Am Bahnhof kaufe ich ein paar Haferriegel mit vielen Kalorien, etwas Vollkornbrot und eine Dose Frühstücksfleisch. Insgesamt komme ich so mit Verpflegung auf etwa 6 kg.
Nun wird es ernst. Der Würfel zeigt mir eine Eins. Die Abfahrtstafel sagt “Richtung Holthusen”, aber das wird arg knapp. Die nächste Option wäre dann Richtung Kiel.
Ich hechte zum Gleis. Beide Züge fahren auf dem gleichen Gleis ab, aber in unterschiedliche Richtungen – und fahren mir genau vor der Nase weg. Also zurück zur Abfahrtstafel. Mir wird klar, dass die “Eins” immer mit Stress verbunden sein wird…
“Richtung Lüneburg” haucht mir die Abfahrtstafel zu, und dass ich noch 10 Minuten Zeit hätte, denn der Zug hat Verspätung. Manchmal sind Verzögerungen ja auch ganz nützlich.
Diese Bahn kann ich locker erreichen und finde einen freien Sitzplatz.
Ich schnappe mir mein Handy und öffne die App der Deutschen Bahn. Der Würfel sagt, ich solle in Ashausen aussteigen. Aber warte… die Busverbindungen dort sind spärlich und die Reise wäre vorhersehbar rasch zu Ende. Ich beschließe, bereits jetzt den Joker einzusetzen und fahre weiter bis Lüneburg. Das eröffnet zumindest die Chance, etwas Land zu gewinnen.
In Lüneburg erwürfle ich eine Bahn in Richtung Uelzen. Ab in den Süden! Aber bevor es losgeht, ist noch fast eine Stunde Zeit. Ich kaufe mir ein belegtes Brötchen und gammle am Bahnhof herum, bis mein Zug eintrifft. Außerdem kann ich ja schon die Haltestelle herausfinden. Der Würfel weist mich an, in Bad Bevensen auszusteigen. Auch dort wäre die Reise schnell zu Ende.
Nach ein wenig Grübelei entscheide ich mich, die Regeln anzupassen. Bis 17:00 Uhr zählen nur Haltestellen, an denen ich in eine andere Bahnlinie umsteigen kann. Darum fahre ich durch bis Uelzen.
In Uelzen angekommen, halte ich mich gar nicht lange auf, sondern frage erneut mein Navigationsgerät nach der nächsten Verbindung. Oha, in Richtung Bremen! Großartig!
Leider fällt dieser Zug aus. Der nächste führt mich nach Braunschweig. Na gut, vielleicht lande ich ja im Harz, das wäre ja auch nett. Auf der Fahrt versuche ich nochmal einen Zwischenhalt zu würfeln. Heraus kam die Haltestelle Schönewörde und Du errätst es sicher: Dort gibt es keine andere Bahnverbindung. Ich fahre direkt bis Braunschweig durch. Das dauert fast zwei Stunden, die Regionalbahn hält an jedem Briefkasten.
In Braunschweig sagt der Würfel “Bielefeld” und auf dem Weg passiere ich Hannover, wo ich aussteige. Dort lautet der Befehl “Richtung Göttingen”.
Das hätte ich alles viel schneller bewerkstelligen können, aber ich bin ja selbst schuld und habe mein Schicksal in die Hände eines Zufallsgenerators gegeben. Gegen 17:00 Uhr, auf der Höhe von Banteln, krame ich das Gerät wieder hervor. Der nächste Wurf markiert meine Endhaltestelle, ab dann steige ich auf Busse um.
Heraus kommt “Alfeld” und als Vogelsberger lese ich “Alsfeld”, aber nur ganz kurz. Alfeld ist für mich ein Begriff, aber ich wusste zuvor weder wo es liegt, noch wie es da aussieht.
In Alfeld würfle ich die Buslinie 602 in die Richtung “Zum Hasenwinkel” und als Haltestelle “Warzer Weg”. Der mobbt mich doch, dieser Würfel! In meinem geistigen Auge sehe ich mich in einem Vorstadtviertel mit akkurat gemähten Wiesen und vielen Spaziergängern mit Hunden. Aber weit gefehlt.
Der Bus spuckt mich direkt am “Fagus-Werk” aus. Ein UNESCO-Weltkulturerbe, entworfen von Walter Gropius. Es geht zu Fuß bergauf und aus der Stadt heraus, an einer viel befahrenen Straße entlang. Keine 500 Meter weiter stehe ich im Feld. Es ist still, es ist grün und ich bin mutterseelenalleine. Donnerwetter! Damit hatte ich nicht gerechnet.
Kurze Zeit später treffe ich auf eine Bank mit Tisch, an der ich einen der Haferriegel verdrücke. Von der Anhöhe aus kann ich die umliegende Landschaft gut erkennen und ein naheliegender Wald ruft mir zu, ich solle doch bitte eintreten. Da lasse ich mich nicht zweimal bitten. Auf dem Weg dorthin komme ich an einem kleinen Hof vorbei, der in Google Maps als “Wikingerdorf” eingetragen ist. Aber außer ein paar Böcken und einem großen Wildschwein in seinem Gehege treffe ich dort niemanden an.
Das Wildschwein ist sichtlich erfreut mich zu sehen, grunzt wie aus dem Lehrbuch und springt am Zaun hoch. Es schubbert sich genüsslich und ich muss laut lachen. Wäre es nicht so ein dicker, ungestümer Klopper, könnte man es glatt für ein Kuscheltier halten. Im unten verlinkten Video gibt es eine Szene mit ihm.
Im Wald angekommen führt mich ein kleiner Pfad tiefer hinein und bald finde ich ein schönes Plätzchen, an dem ich beschließe, zu bleiben. Ich biwakiere unter offenem Himmel, das Tarp stelle ich nicht auf. Es stört mich keine Menschenseele und nachdem ich zu Abend gegessen habe, verbringe ich eine friedvolle Nacht im Mondschein.
Um 5:30 werde ich wach und verliere nicht viel Zeit. Es ist mitten in der Woche und ich sollte mit Waldarbeitern rechnen. Eigentlich ist alles im Lack – ich habe kein Zelt aufgebaut, kein Feuer gemacht, keinen Müll hinterlassen. Aber dennoch möchte man ja unter dem Radar bleiben, zumindest akut im Moment.
Ich verschlinge das letzte Essen und laufe direkt zum Bahnhof. Die Fahrt zurück nach Hamburg verläuft aalglatt und dauert auch nicht so lange. Nach drei Stunden bin ich zurück am Hauptbahnhof und glücklich, mich auf dieses Experiment eingelassen zu haben.
Bei einer Wiederholung würde ich die Regeln lockerer auslegen und mir mehr Zeit nehmen. Den Würfel würde ich aber auf jeden Fall wieder einpacken!
Link zur Videodoku: