Faulheit siegt
Dienstag, 10.09.2024
Mein Zelt ist nass, aber ich habe ja keinen Zeitdruck. Dennoch wische ich die Außenhülle mit dem Schwammtuch ab, das ich eingepackt hatte. Es erweist sich als unglaublich nützlich, lässt sich gut reinigen und hält bislang anstandslos durch. Ein Gegenstand, den ich in letzter Minute auf die Packliste gesetzt hatte.
Nach jeder Seite war einmal auswringen angesagt.
Der Nachteil an meinem Camp wird mir langsam klar: Es dauert, bis die Sonne herum kommt und die Sachen trocknen. Im anderen Camp mit der verfallenen Cabin kommt noch weniger Sonne an. Da ich heute keinen Zeitdruck habe, könnte es mir egal sein, aber ohne Sonne ist es doch recht frisch.
Nur so halbwegs gemütlich: Der Platz am Morgen
Die Sonne musste von links erstmal an Bäumen und Strauchwerk vorbei, ehe sie mich wärmte.
Ich studiere die Flusskarte, um zu schauen, wie weit ich heute noch kommen könnte. Ob ich schon bis zum Yukon fahre, muss ich noch sehen. Es gibt einige potentielle Übernachtungsplätze auf der Strecke. Sie verspricht spaßig und herausfordernd zu werden, die Flusskarte ist voll mit Hinweisen über Felsen, seichte Stellen und kleine Stromschnellen.
Um auf dem Fluss nicht lange rätseln zu müssen, haben „interessante“ Stellen von mir ein Ausrufezeichen bekommen. Hier sind es mal wirklich viele auf einem Haufen.
Das kalte Wasser ist durch den Zufluss des North Big Salmon noch ein bisschen kälter als sonst. Als Warmduscher zweckentfremde ich einen wasserdichten Packsack als Eimer und fülle ihn mit einer Mischung aus kaltem und kochenden Wasser. Die Temperatur ist ok, aber die Handhabung gestaltet sich schwierig, vor allem beim Haarewaschen. Letztlich klappt es aber, indem ich den Packsack an einen Baum hänge.
Erfrischt und sauber setze ich mich an die Feuerstelle. Boah, fühlt sich das gut an! Jetzt, wo die Finger sauber sind, versehe ich sie mit neuem Tape. Es ist eines mehr, da ich mir bei irgendeiner Aktion eine kleine Blutblase zugezogen habe.
Die Otterbox musste als Schneidetisch herhalten.
Alles wieder verklebt.
Mittlerweile ist es Nachmittag, die Faulheit siegt und ich beschließe, eine zweite Nacht hier zu verbringen. Auf dem Yukon River sollten 50 km pro Tag drin sein und den kann ich morgen auf jeden Fall erreichen. Am Tag der Abholung kann ich auch noch einige Kilometer zurücklegen, denn diese erfolgt erst um 16:00 Uhr. Da ich am ersten Tag um 17:00 am Quiet Lake gestartet bin, sind das dann bis auf eine Stunde genau 12 Tage.
Gegenüber des Camps befand sich ein ehemaligen Waldbrandgebiet. Bis auf einzelne schwarze Pfähle hatten die Nachfolger das Areal aber schon wieder in Besitz genommen.
Ich versuche eine Art Pfannkuchenteig hinzubekommen, aber scheitere kläglich. Die Pampe verbrennt mir in meiner Edelstahlpfanne sofort und bleibt innen flüssig. Den übrigen Teig strecke ich mit Mehl und bastle mir als Notlösung eine Art Fladenbrotpizza. Das klappt viel besser. Am Lagerfeuerplatz schaut es aus, als wäre ein Kokainlabor explodiert, während ich mir genüsslich mein Machwerk reinschaufle.
Bestandsaufnahme
Der misslungene Teig und erste Vorbereitungen für die Alternative.
Da sehe ich zwei altbekannte Kanuten, die eine astreine Seilfähre hinlegen und punktgenau anlanden. Mein Eichhörnchen meckert die beiden sofort vorwurfsvoll an. Wir begrüßen uns und meine “Pizza” schmeckt (Zitat) “gar nicht so scheiße, wie sie aussieht”.
Das Provisorium entpuppte sich als lecker.
Ha! Dabei ist sie nur eine Notlösung.
Die beiden wollen noch weiter zu einem anderen Camp, etwa sieben Kilometer vor der Mündung in den Yukon River. Wir unterhalten uns noch eine Weile über die verschiedenen Camps und ihre Vorzüge, bevor sie wieder in die Fluten entschwinden und dabei um einen Logpile zirkeln, der sich direkt unterhalb des Camps im Fluss befindet. Morgen werden wir uns wieder begegnen, denn wahrscheinlich werde ich bis zum Big Salmon Village fahren. Dieses verlassene Dorf liegt genau an der Mündung in den Yukon River.
Von links fließt der North Big Salmon in den Big Salmon River. Links unten befindet sich mein Camp, der weiße Fleck rechts an der Mündung markiert die Anlegestelle für das Camp mit der verfallenen Cabin.
Der Blick flussabwärts und auf mein Camp.
Weiter flussabwärts folgt gleich ein Logpile an einer langgezogenen Insel.
Ich stelle mein Zelt wieder unter das Tarp, damit es morgen früh trocken ist. Dann gibt es Abendessen. Pepper Beef with Rice, im Hellen genossen. Welch seltener Luxus! Leider ist die Mahlzeit nur so “meh”, nicht wirklich gut und nicht wirklich schlecht. Aber man kann eben nicht immer Glück haben.
Wie jeden Abend geht eine Nachricht an meine Frau raus. Bislang sind alle Nachrichten über Satellit verschickt worden und angekommen. Es ist gut zu wissen, nicht vollkommen ohne Kontakt zur Außenwelt dazustehen. Der Wetterbericht erweist sich ebenfalls als hilfreich, auch wenn man ihn mit einer Prise Salz bewerten sollte. Das Wetter ist wechselhaft und regionale Schauer sind an der Tagesordnung.
Ich habe über 1,5 kg Milchpulver übrig, aber keine Schokolade. Was für ein Anfängerfehler! Ich esse normalerweise kaum Tafelschokolade, und hatte vergessen, wie vielseitig diese ist. Ob im Müsli, als heiße Schokolade, geschmolzen auf heißem Bannock oder gar als Füllung – Schokolade gehört in die Vorratstonne! So muss ich mit einem großen großen Pott heißer Milch Vorlieb nehmen, aber auch darüber kann ich schlecht meckern.
Heiße Milch kommt bei den Temperaturen extrem gut.
Aufgrund des überaus guten Holzangebots im angrenzenden Wald erfülle ich zum Abschluss des Tages noch das Klischee vom weißen Mann, der ein großes Feuer macht und sich dann weit weg setzt.
Die Sohlen haben es überlebt.
Tagesdistanz: 0 km
Gesamtdistanz: 205 km
Verbleibende Distanz: 95 km
Anzahl Resttage: 2
Nötiger Tagesdurchschnitt: 48 km
Weiter zu Teil 12
Zu diesem Reisebericht gibt es einen zweiteiligen, abendfüllenden Dokumentationsfilm:
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