Yukon Calling
Mittwoch, 11.09.2024
Das Boot und das Tarp sind nach einer klaren Nacht voller Frost. Motiviert stehe ich am Fluss. Heute schaffe ich es hoffentlich bis zum Yukon River!
Die Kamera hat einen leichten Grünschimmer eingefangen. Mit bloßem Auge war dieser nicht zu erkennen.
Diese Formation befand sich hinter dem Camp.
Eigentlich wollte ich dort mal raufsteigen, aber dafür war leider keine Zeit mehr. Von den Seiten wäre der Hügel wohl relativ leicht zugänglich gewesen.
Bei meiner Backaktion sind auch zwei Pfannenbrote abgefallen. Eines davon genieße ich zum Frühstück, während ich auf die Sonne warte. Zwischendurch suche ich verzweifelt einen der GoPro Akkus und befürchte, dass er mir aus der Hosentasche gefallen ist. Auf dem Waldboden wird es schwierig sein, ihn zu finden.
Beim Abbau
Langsam biegen die ersten Sonnenstrahlen um die Ecke und ich kann endlich meinen Schlafsack trocknen. In meiner Verzweiflung schüttle ich ihn aus und siehe da: Der GoPro Akku hatte sich in den Untiefen des Schlafsacks versteckt. Glück gehabt! Es wäre mir sehr peinlich, wenn ich der kanadischen Wildnis einen Akku hinterlassen würde.
Es dauert, bis die Sonne herumkommt. Die Stöcke vor der Isomatte dienen als Rutschsicherung beim trocknen.
Ich checke den Wetterbericht auf meinem GPS-Gerät und mache mich abfahrbereit. Mittlerweile hat einer der Handschuhe ein Loch zwischen Daumen und Zeigefinger, die ich mit Klebeband flicken muss. Gegen 11:00 Uhr komme ich los.
Der Wetterbericht erwies sich trotz wechselhaften Wetters als hilfreich.
Der Flussführer vermeldet schon zu Beginn “Scattered Big Rocks” und das Wasser ist unruhig. Ich habe vergessen, meine Brille aufzusetzen. Erneut habe ich Glück und finde sofort eine Stelle, an der ich kurz anlegen kann. Zurück auf dem Fluss folgen sogleich die ersten Felsen.
Kanu Downhill
Die Strecke bereitet einen Heidenspass. Ich habe die Sonne im Rücken und kann die typischen Wellen der Felsen gut erkennen. Der Himmel ist klar, das Wetter ist ein Traum, die Strömung trägt mich zügig in Richtung Yukon River. Schon bald habe ich die ersten 10 km geschafft. Es fühlt sich an, als würde ich eine riesige, natürliche Wasserrutsche hinunterrutschen.
Mal wieder ein fieser Felsen direkt unter der Wasseroberfläche.
An der Mündung des Illusion Creeks wird es Zeit für eine Pinkelpause und einen Snack. Ein Eichhörnchen meckert mich sofort vorwurfsvoll an, aber gleich darauf mache ich eine unglaubliche Entdeckung: An einer Baumwurzel hängt ein Fjällräven Wollpullover der gehobenen Preisklasse. Er riecht nicht mal nach Schweiß und sieht aus wie frisch aus dem Laden.
Da hängt doch tatsächlich ein Fjällräven Pullover in der Wildnis herum.
Wem der wohl gehört? Ich nehme ihn mit und werde die anderen Kanuten fragen, ob sie ihn vermissen. Denn flussaufwärts wird hier wohl eher niemand vorbeikommen und seinen vergessenen Pullover suchen.
Ich merke wie gut mir der Pausentag getan hat. Die Kraft ist zurück. Hinzu kommt der Big Salmon River, der heute ein regelrechter Wohlfühlfluss ist: Ich muss zwar die Augen offen halten und steuern, aber ansonsten nicht viel machen. Ich treibe laut GPS Gerät teilweise mit 10 km/h der Mündung in den Yukon entgegen. Die Sonne kitzelt in der Nase und der Gegenwind der letzten Tage ist vergessen.
Ein Prachtwetter.
Ein Blick auf die Technik: Sony ZVE-10, GoPro Hero 8, BigBlue Solarpanel
Gleichzeitig fühlt sich das Wissen um die herannahende Zivilisation seltsam an. Vielleicht habe ich sogar Handyempfang am Yukon River? Die Vorstellung wirkt fremd.
Die Gedanken muss ich bald wieder beiseite schieben. Ich komme in eine Region, in der sich der Big Salmon River seit einiger Zeit neu formt. Es herrscht weiterhin schnelle Strömung und ich muss erneut die Augen nach Felsen offen halten. Die Landschaft unterscheidet sich hier durch den permanenten Wandel des Flusslaufs doch erheblich von der restlichen Umgebung.
Mäandernd gräbt sich der Big Salmon River sein Flussbett.
Eine riesige Sandlandschaft.
Kurz darauf treffe ich die beiden Kanuten. Wir angeln kurz zusammen und prompt fange ich zwei Äschen. Eine ist noch zu klein, aber die andere gibt eine gute Portion ab. Ich lasse sie den beiden da. Einen Pullover vermissen aber beide nicht. Wenn ich zurück in Deutschland bin, werde ich noch den anderen Kanuten kontaktieren und ihn fragen.
Disclaimer an die Leser: Auch dieser Kanute vermisst keinen Pullover. Wenn Du mir glaubhaft versichern kannst, dass es Dein Pullover ist, dann gebe ich ihn Dir natürlich zurück. Das könnte z.B. mit einer Rechnung eines Ausrüsters geschehen, die zeigt, dass Du zu diesem Zeitpunkt auf dem Big Salmon River unterwegs warst.
Meine Mailadresse findest Du unter https://dadinthewoods.de/kontakt/
Kurz bevor ich mein Kanu besteige, um die letzten sieben Kilometer bis zum Yukon River zu fahren, hören wir ein Motorengeräusch. Es wird lauter und dann kommt tatsächlich ein Motorboot um die Ecke gefahren. Es ist gar nicht mal so klein und macht ordentlich Wellen. Wenn ich in den letzten Tagen ein Motorengeräusch hörte, so konnte ich mir sicher sein: Das ist irgendein Buschpilot. Nun musste ich mich also auf Motorboote einstellen.
Der Fluss wird breiter, die Abbruchkanten werden länger und eindrucksvoller.
Bevor der Big Salmon River in den Yukon mündet, verliert er seine Strömung. Und zwar gänzlich. Als würde er einen auf den Schoß nehmen, um sich in aller Ruhe zu verabschieden. Schließlich sehe ich in der Ferne eine blaugraue Linie.
Die Strömung des Yukon setzt sich am Horizont hauchdünn ab.
Ich habe es geschafft. Ich habe 250 km hinter mich gebracht und alleine den Big Salmon River befahren. Alle die mir im Yukon begegnet sind, finden das ebenso mutig wie verrückt, inklusive denen, die es selbst schon getan haben.
Ich bin stolz und erleichtert. Allzu viel kann ja nun nicht mehr schief gehen.
Das schmale Band am Ende des Big Salmon Rivers markiert die Wasserlinie des Yukon Rivers.
Am Yukon River.
Nicht im Bild: Die Feuerstelle.
Direkt an der Mündung befindet sich das ehemalige Dorf “Big Salmon Village”. Ich beziehe ein Camp unterhalb davon und fange nach dem ersten Wurf eine Äsche im Yukon River. Als ich gegen 23:00 noch am Feuer sitze, nehme ich durch die wenigen Lücken in den Baumkronen einen vertrauten Schein am Himmel wahr. Ein wenig neugierig schlurfe ich ans Ufer, denn dort hat man einen freien Blick nach oben.
Und dann bekomme ich die Gänsehaut meines Lebens. So dicht am Polarkreis nehmen die Nordlichter den gesamten Himmel ein. Ich stehe einfach mittendrin, sie ziehen sich über mir von einem Horizont zum anderen. Ich bin umgeben, gleichsam eingehüllt in eine Flut aus dreidimensionalem Licht. Nachdem ich 15 Minuten sprachlos mit rotierendem Kopf umher gestarrt habe, mache ich Fotos und Videoaufnahmen. Es dauert über eine Stunde, bis der Spuk vorbei ist. Ich kann mein Glück nicht fassen.
Dieser „Strahl“ vereinigte sich über mir mit den Ausläufern des Polarlichts auf der gegenüberliegenden Seite.
Die Farben stimmen absolut nicht, aber das ist, was die Kamera gesehen hat. In der Realität waren die Lichter blau.
Tagesdistanz: 35 km
Gesamtdistanz: 240 km
Verbleibende Distanz: 60 km
Anzahl Resttage: 1
Nötiger Tagesdurchschnitt: 60 km
Weiter zu Teil 13
Zu diesem Reisebericht gibt es einen zweiteiligen, abendfüllenden Dokumentationsfilm:
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