Logjams

Mittwoch, 04.09.2024

Die Nacht ist klar und am nächsten Morgen präsentiert mir meine Tonne ihre Frostschicht. Während ich frühstücke, schreibe ich ein paar Zeilen ins neue Gästebuch und schaue mir das alte eingehend an. Es beginnt im Jahr 1993, enthält viele Geschichten über die Hütte und fällt fast auseinander. Das neue schließt 2018 nahtlos an und so präsentieren sich mir die Einträge über einen Zeitraum von 30 Jahren.

Wenn man nachts nochmal raus muss.

Frost.

Ein fragiles Stück Geschichte: Das alte Gästebuch, Beginn 1993.

Es wird 14:00 Uhr, bis ich endlich aufbreche. Zu groß ist der Respekt vor dem Fluss und zu sehr genieße ich den Aufenthalt an diesem Platz. Die Fahrt führt mal durch ruhiges und weniger ruhiges Gewässer, ich muss bei flotter Strömung einigen Steinen und Felsen ausweichen. Man kann sie zum Teil nur sehr schwer erkennen und einige Male ist es zu knapp für meinen Geschmack. Das ständige Sondieren der Wasseroberfläche ist zur Abwechslung eher eine mentale Herausforderung und es bereitet großen Spaß, von Kehrwasser zu Kehrwasser zu zirkeln.

Der Big Salmon River ist mal ruhig…

..und dann wieder quirlig.

An einer Stelle fächert sich das Flussbett auf. An einer Kiesbank steige ich aus, um mir die Sache genauer zu betrachten. Ein Eichhörnchen meckert mich sofort vorwurfsvoll an.

Mittig befindet sich ein flacher Kanal. Hier muss man ein kurzes Stück treideln, also aussteigen und das Boot an seinen Leinen durchs Wasser führen. Schnell ist das erste Hindernis überwunden. Hierbei entdecke ich meine ersten Wolfsspuren. 

Ein kleines Labyrinth zur Einstimmung.

Gar nicht mal so klein und auch relativ frisch.

Schließlich erreiche ich den ersten Logjam. Dies sind mit Baumstämmen stark verblockte Bereiche. Auf dem Wasser ist kein Durchkommen möglich. Es gibt einen Trampelpfad, auf dem ich das Riesenmikado umtragen könnte. Das ist viel Arbeit und dauert lange: Alles losbinden, ausladen, in mehreren Gängen auf die andere Seite tragen und schließlich das leere Kanu durch den Busch bis ans Ende des Logjams ziehen. Dort muss alles wieder eingeladen und festgezurrt werden.

Bald bemerke ich jedoch, dass dieser Logjam nur durch wenige Bäume verschlossen ist und ich ihn im weiteren Verlauf durchfahren kann. Ich kann das voll beladene Kanu über die Stämme heben und meine Fahrt schnell fortsetzen. Allerdings nicht lange – der nächste Logjam wartet wenige Kilometer weiter.

Immer eine Handbreit Holz unterm Kiel.

Links vorm Kanadier ging es weiter. Da dort kaum Strömung herrschte, konnte ich anschließend entspannt zwischen den Stämmen hindurch paddeln.

Kurze Mußestunde, in die Landschaft starren und ausflippen.

Solche Abbruchkanten sind in großer Zahl vorhanden.

Es nisten Vögel in den Löchern.

Diese Blockade hat andere Ausmaße und ich komme nicht um eine Portage herum. Es sind sicher 100 Meter, die mich ordentlich schlauchen. Bevor ich wieder zurück ins Boot klettere, genehmige ich mir einen kleinen Happen Wurst mit Brot und einen Müsliriegel als Nachtisch. Danach lasse ich die Drohne steigen.

Blick auf den großen Logjam nach dem umtragen.

Von oben kann man die Dimensionen am ehesten erfassen.

Man sollte sich hier dicht am rechten Rand halten (von oben kommend, Blickrichtung nach unten). Auf der linken Seite zieht die Strömung in den Logjam rein.

Bald darauf folgt noch ein weiterer Logjam, den ich ebenfalls umtragen muss. Langsam wird es nervig. Diesmal ist die Angelegenheit sogar noch mühseliger, meine Füße sinken tief ein und das Kanu rutscht nicht besonders gut über die dicke Sandschicht. Ich habe bereits mehr Übung beim Ent- und Beladen, aber benötige dennoch rund 20 Minuten für die Portage.

Der Fluss bleibt wechselhaft und das Wetter zeigt sich von seiner schönen Seite. Da ich spät losgekommen bin und mich die vielen Hindernisse aufhalten, habe ich noch nicht viele Kilometer zurückgelegt. Langsam muss ich Ausschau nach einem Camp halten.

Ausflippen, hab ich gesagt!

Die Landschaft ist traumhaft schön und einschüchternd zugleich. Eben umwerfend.

Dann gelange ich an eine alte, trockene Flussschleife. Statt brav um die Kurve zu plätschern, hat sich der Big Salmon River den kürzesten Weg gesucht und fließt nun geradeaus. An dieser Engstelle ist ein weiterer Holzberg entstanden. Mir reicht es für heute und auf der Karte ist für die nächsten Kilometer kein Camp vermerkt. Ich beschließe, diesen Logjam morgen früh zu umtragen und mein Zelt in der trockenen Schleife aufzubauen.

Hier beschloss ich: Schluss für heute.

Von links kommend, muss dieser Logjam über einen kleinen Hügel umtragen werden.

Es ist sehr windig und der Sand zieht in jede Ritze. Zwischen einigen alten Stämmen finde ich noch das beste Plätzchen. Die Zeltheringe sind dünn und für Wiesen oder Waldboden ausgelegt. Ich nutze stattdessen dicke Holzheringe und sichere sie mit dicken Ästen und Steinen. Beim Abendessen ist es gar nicht so einfach, eine geschützte Stelle für den Gaskocher zu finden.

Leidlich geschützt und mit Fixpunkten, um das Zelt zu verankern.

Der Wind zerrt am Zelt. Es ist Zeit für die Nachtruhe. Morgen werde ich als erstes das Kanu über den kleinen Hügel ziehen, noch ehe ich irgendwas anderes mache.

Tagesdistanz: 14 km
Gesamtdistanz: 43
Verbleibende Distanz: 257 km
Anzahl Resttage: 8
Nötiger Tagesdurchschnitt: 32 km

Weiter zu Teil 6

Zu diesem Reisebericht gibt es einen zweiteiligen, abendfüllenden Dokumentationsfilm:

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